Briefe über den Yoga, Band 2: Die Sadhana

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Die Briefe an seine Schüler im Ashram reflektieren die Entwicklung des Integralen Yoga in der Zeit nach 1926 bis 1950.
535 Seiten, Deutsch

Inhalt:
Teil I (Fortsetzung von Band I):

  1. Die Göttlichen und die Feindlichen Mächte
    1. Die Götter
    2. Die Asuras
  2. Der Sinn des Avatars
  3. Wiedergeburt
  4. Schicksal und Freier Wille, Karma, Vererbung usw.
    1. Schicksal und freier Wille
    2. Unsichtbare Kräfte
    3. Das Opfer
    4. Gewalt und Nicht-Gewalt
    5. Zeitgefühl
    6. Größe
    7. Pflanzen und Tiere
    8. Humor

Teil II: Die Sadhana

    1. Das Ziel des Integralen Yoga
    2. Die Synthetische Methode und der Integrale Yoga
    3. Die Grundvoraussetzungen des Pfades
      1. Allgemeines
      2. Wahrhaftigkeit
      3. Streben
      4. Glaube
      5. Hingabe und Bemühung
      6. Gnade
      7. Guru
      8. Beharrlichkeit
    4. Die Grundlage der Sadhana
      1. Das ruhige Mental
      2. Stille, Ruhe und Schweigen
      3. Friede
      4. Gleichmut
    5. Sadhana durch Arbeit
      1. Karma-Yoga
      2. Die Göttliche Arbeit
      3. Das doppelte Bewußtsein bei der Arbeit
      4. Das Sich-Öffnen für die Kraft
      5. Das Wirken der Kraft bei der Arbeit
      6. Die Einmischung des Mentals
      7. Die Läuterung durch die Arbeit
      8. Ordnung und Disziplin bei der Arbeit
      9. Die richtige Handhabung der Dinge
    6. Sadhana durch Meditation
      1. Meditation und Konzentration
      2. Der samadhi-Zustand
      3. Japa und Mantra
    7. Sadhana durch Liebe und Hingabe
      1. Die göttliche und die menschliche Liebe
      2. Bhakti und Anbetung
      3. Bhakti-Emotion
      4. Bhakti und Glaube
    8. Menschliche Beziehungen im Yoga
      1. Liebe, Freundschaft und Wohlwollen
      2. Der Umgang mit anderen
      3. Der Wunsch zu helfen
      4. Vitaler Austausch
    9. Sadhana im Ashram und außerhalb des Ashrams
      1. Der Ashram
      2. Die Arbeit im Ashram
      3. Die Sadhaks des Ashrams
      4. Regel und Disziplin im Ashram
      5. Die Rückkehr in das Welt-Leben
      6. Sadhana im Leben der Welt

Auszug aus “Sadhana durch Arbeit”, Kapitel 1
Karma-Yoga
Das gewöhnliche Leben besteht aus der Arbeit für ein persönliches Ziel und die Befriedigung des Begehrens unter einer gewissen mentalen oder moralischen Kontrolle, die manchmal von einem mentalen Ideal beeinflußt ist. Der Yoga der Gita besteht aus der Darbringung der eigenen Arbeit als Opfer für das Göttliche, aus der Überwindung des Begehrens, aus der egolosen und wunschlosen Tat, aus bhakti für das Göttliche, aus dem Eintreten in das kosmische Bewußtsein, aus dem Gefühl des Einsseins mit allen Geschöpfen und aus der Einung mit dem Göttlichen. Unser Yoga fügt all dem das Herabbringen des supramentalen Lichtes und der supramentalen Kraft (als sein höchstes Ziel) sowie die Umwandlung der menschlichen Natur hinzu.

* * *

Meist arbeiten die Menschen und betreiben ihre Geschäfte aus den üblichen Beweggründen des vitalen Wesens, weil es notwendig ist, weil sie nach Reichtum verlangen, nach Erfolg, Ansehen, Macht oder Ruhm, weil der Drang zur Aktivität in ihnen ist oder die Freude darüber, ihre Talente entfalten zu können; ihr Erfolg oder Mißerfolg entspricht ihrer Begabung, ihrer Arbeitskraft und ihrem guten oder schlechten Geschick, welches das Ergebnis ihrer Natur und ihres karmas ist. Wenn man den Yoga aufnimmt und sein Leben dem Göttlichen weihen will, können diese gewöhnlichen Beweggründe des vitalen Wesens nicht länger ihr volles und freies Spiel entfalten; sie müssen durch ein anderes, hauptsächlich seelisches und spirituelles Motiv ersetzt werden, das den Sadhak befähigt, mit der gleichen Kraft wie vorher zu arbeiten, doch nicht mehr für sich, sondern für das Göttliche. Wenn sich nun die gewöhnlichen vitalen Beweggründe nicht mehr frei entfalten können und durch nichts anderes ersetzt werden, besteht die Möglichkeit, daß der Impuls oder die Kraft, die man auf die Arbeit verwandte, absinkt, oder die Fähigkeit, erfolgreich zu sein, nicht länger vorhanden ist. Für den aufrichtigen Sadhak ist dies nur eine vorübergehende Schwierigkeit, er muß jedoch diesen Mangel in seinem Bewußtsein oder seiner Einstellung erkennen und ihn ausmerzen. Dann wird die Göttliche Macht selbst durch ihn handeln und seine Fähigkeit und vitale Kraft für ihre Ziele gebrauchen. In deinem Fall war es das seelische Wesen und zum Teil das Mental, die dich zum Yoga hinzogen und für ihn empfänglich waren; deine vitale Natur jedoch oder zumindest ein großer Teil von ihr, ist noch nicht in Einklang mit der seelischen Bewegung und bislang fehlt noch die volle, ungeteilte Weihung der aktiven vitalen Natur.
Die Zeichen der Weihung des tätigen Vitals sind unter anderem folgende: Das Gefühl (nicht nur die Idee oder das Streben), daß das ganze Leben und die Arbeit der Mutter gehören, sowie eine kraftvolle Freude der vitalen Natur an dieser Weihung und Hingabe. Daraus ergibt sich eine stille Zufriedenheit, das egoistische Verhaftetsein mit der Arbeit und ihren persönlichen Ergebnissen verschwindet, während gleichzeitig eine große Freude an der Arbeit und an dem Gebrauch der Fähigkeiten für den göttlichen Zweck aufkommt.
Weiterhin das Gefühl, daß die Göttliche Kraft hinter dem eigenen Tun wirkt und in jedem Augenblick führt.
Dann ein beharrlicher Glaube, den kein Umstand oder Ereignis brechen kann. Auch wenn Schwierigkeiten entstehen, verursachen sie keine mentalen Zweifel oder ein träges Sich-Fügen, sondern den festen Glauben, daß bei einer wahrhaften Weihung die Göttliche Shakti die Schwierigkeiten entfernen wird. Mit diesem Glauben vergrößern sich die Hinwendung zu ihr und die Abhängigkeit von ihr. Sobald der volle Glaube und die volle Weihung gegeben sind, entsteht eine Empfangsbereitschaft für die Kraft, die einen das Rechte tun und die rechten Mittel wählen läßt; dann passen sich auch die Umstände an und das Ergebnis wird sichtbar.
Um zu diesem Zustand zu gelangen, ist das Wichtigste ein beharrliches Streben, der Ruf, die Selbst-Darbringung und der Wille, alles zurückzuweisen, was in einem und um einen im Weg steht. Schwierigkeiten wird es am Anfang immer geben und auf so lange Zeit, wie man für die Wandlung braucht. Doch wenn man ihnen mit festem Glauben und Willen und mit fester Geduld begegnet, müssen sie irgendwann verschwinden.

* * *

Es ist der gewöhnliche Karma-Yoga, in dem der Sadhak seine eigene Arbeit wählt, sie jedoch dem Göttlichen darbringt; sie wird ihm gegeben, und zwar in dem Sinn, daß er durch einen Impuls seines Mentals oder Herzens oder Vitals zu ihr bewegt wird, daß er eine kosmische Macht oder die kosmische Macht hinter diesem Impuls fühlt und sich darin zu üben versucht, die Eine Kraft hinter allen Tätigkeiten zu sehen, die in ihm und in anderen das kosmische Ziel erarbeitet.
Sobald er einmal das Ideal der unmittelbaren Hingabe angenommen hat, muß er die direkte Bewegung oder Führung finden; daher weist er alles zurück, was er als nur mentale, vitale oder physische Impulse erkennt, die aus seiner eigenen oder der universalen Natur zu ihm kommen. Natürlich zeigt sich die volle Bedeutung der Hingabe erst dann, wenn er bereit ist.

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Ich weiß nicht, ob es mir möglich ist, dich auf dem von dir gewählten Pfad zu führen; es fällt mir jedenfalls schwer, irgendetwas Bestimmtes zu sagen, ohne genauere Angaben zu haben als die, die in deinem Brief enthalten sind.
Es besteht keine Notwendigkeit, daß du die von dir gewählte Art des Lebens und der Arbeit änderst, solange du das Gefühl hast, auf dem Weg deiner Natur zu sein (svabhava) oder auf dem Weg, der dir von deinem inneren Wesen auferlegt wird oder den du aus irgendwelchen Gründen als dein wahres dharma erkennst. Dies sind die drei Tests, und abgesehen davon weiß ich nicht, ob es eine bestimmte Art des Verhaltens oder der Arbeit oder des Lebens gibt, die für den Yoga der Gita richtungsweisend ist. Das wichtigste ist die Einstellung oder das Bewußtsein, in dem die Arbeit verrichtet wird; die äußere Form kann für verschiedene Naturen sehr verschieden sein, jedenfalls solange man nicht die feste Erfahrung der Göttlichen Macht hat, welche die Werke aufnimmt und verrichtet; danach entscheidet die Macht, was zu tun ist oder nicht.
Die Überwindung von allem Verhaftetsein ist notwendigerweise schwierig und kann erst als Frucht einer langen Sadhana erreicht werden ­ es sei denn, es findet ein schnelles allgemeines Wachsen der inneren spirituellen Erfahrung statt, das, worauf die Gita abzielt. Das Verlöschen des Begehrens nach der Frucht, das Verlöschen des Verhaftetseins mit der Arbeit selbst, das Anwachsen des Gleichmuts gegenüber allen Wesen, allen Geschehnissen, gegenüber guter oder schlechter Nachrede, gegenüber Lob oder Tadel, Glück oder Unglück, das Abstreifen des Egos ­ all dies ist notwendig, denn die Überwindung jeglichen Verhaftetseins kann nur dann in ihrer Vollständigkeit erreicht werden, wenn alle Arbeit zu einem spontanen Opfer für das Göttliche wird, wenn das Herz zu Ihm emporgehalten wird und man die feste Erfahrung des Göttlichen in allen Dingen und Wesen erlangt hat. Dieses Bewußtsein oder diese Erfahrung muß alle Teile oder Bewegungen des Wesens durchdringen, sarvabhavena, nicht nur das Mental und die Idee; dann wird das Abfallen von allem Verhaftetsein einfach. Ich spreche vom Yogaweg der Gita; denn im asketischen Leben erreicht man das gleiche Ziel auf andere Weise; man löst sich los von den Zielen des Verhaftetseins, was zu einer Auszehrung dieses Verhaftetseins mit Hilfe von Zurückweisung und Nicht-Gebrauch führt.

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Das einzige, was ich ihm vorschlagen kann, ist, eine Art Karma Yoga auszuüben: in all seinen Taten, von der kleinsten bis zur größten, sich des Höchsten zu erinnern, sie mit einem ruhigen Mental zu tun, ohne Egoismus und Verhaftetsein, und Ihm als Opfer darzubringen. Er kann auch versuchen oder sich bemühen, die Gegenwart der Göttlichen Shakti hinter der Welt und ihren Kräften zu fühlen und zu unterscheiden zwischen der niederen Natur der Unwissenheit und der höheren, göttlichen Natur, deren Kennzeichen vollkommene Stille, Friede, Macht, Licht und Wonne sind; und er kann danach streben, aufgerichtet und langsam vom Niederen zum Höheren geführt zu werden.
Wenn er dies zu tun vermag, wird er zur rechten Zeit bereit sein, sich dem Göttlichen zu weihen und ein vollkommen spirituelles Leben zu führen.

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Die Methode, die ihm am besten entspricht, scheint der Karma Yoga zu sein, und daher ist es richtig zu versuchen, gemäß der Lehre der Gita zu leben; denn die Gita ist der große Führer auf diesem Weg. Sich von egoistischen Bewegungen und persönlichen Begierden zu läutern und der besten Einsicht, die man hat, zu folgen, sind eine vorbereitende Übung für diesen Pfad; insoweit er diese Dinge aufgenommen hat, war er auf dem rechten Weg. Die Bitte um Stärke und Licht im Handeln darf jedoch nicht als eine egoistische Bewegung angesehen werden, denn diese sind für die innere Entwicklung notwendig.
Anscheinend ist eine systematischere und intensivere Sadhana wünschenswert; jedenfalls könnten ein stetes Streben und eine dauernde Beschäftigung mit dem eigentlichen Ziel auch inmitten von äußeren Dingen und äußerer Tätigkeit eine sichere Loslösung und ständige Lenkung herbeiführen. Die Vollendung, die siddhi, dieses Yogaweges ­ ich spreche vom gesonderten Weg des karma-Yoga oder der spirituellen Tat ­ beginnt, wenn er lichthaft den Führenden und die Führung wahrnimmt, und wenn er fühlt, wie die [Göttliche] Macht mit ihm als Instrument und Teilnehmer an der göttlichen Arbeit wirkt.

Auszug aus “Sadhana durch Arbeit”, Kapitel 9
Die richtige Handhabung der Dinge
Mutwilliges Verschwenden und achtloses Zugrunderichten von stofflichen Dingen in unglaublich kurzer Zeit, gleichgültige Unordnung sowie der Mißbrauch des Dienstes oder der Dinge durch vitale Gier oder tamasische Trägheit, schaden dem Gedeihen und können die Macht des Wohlstandes vertreiben oder entmutigen. Diese Dinge haben seit langem in der Gesellschaft überhandgenommen, und wenn es so weitergeht, könnte ein Anwachsen unserer Mittel durchaus ein entsprechendes Anwachsen von Verschwendung und Unordnung mit sich bringen und den materiellen Vorteil zunichte machen. Dem muß abgeholfen werden, wenn ein gesunder Fortschritt erzielt werden soll.
Asketizismus um seiner selbst willen ist nicht das Ideal dieses Yoga, doch sind Selbst-Kontrolle im Vital und die rechte Ordnung im Stofflichen ein sehr wichtiger Bestandteil von ihm; jedoch ist eine asketische Disziplin für unseren Zweck besser als das gleichgültige Fehlen einer echten Kontrolle. Die Meisterung des Stofflichen bedeutet nicht, viel zu besitzen und es verschwenderisch zu vergeuden oder so schnell wie es kommt ­ oder gar noch schneller ­ zugrundezurichten. Meisterung bezieht die rechte und vorsichtige Benutzung der Dinge mit ein und ebenso die Selbstkontrolle bei ihrem Gebrauch.

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Stoffliche Dinge dürfen nicht verachtet werden; ohne sie kann keine Manifestation in der stofflichen Welt stattfinden.

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In jedem physischen Ding gibt es ein Bewußtsein, mit dem man in Verbindung treten kann. Alle Dinge, Häuser, Wägen, Möbel usw., haben eine gewisse Individualität. Früher wußten die Menschen dies und sahen einen Geist oder “Genius” in jedem stofflichen Ding.

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Dein Gefühl für stoffliche Dinge ist richtig – es gibt ein Bewußtsein in ihnen, ein Leben, das nicht das Leben und Bewußtsein von Mensch und Tier ist, das wir kennen, das aber dennoch im geheimen vorhanden und wirklich ist. Daher müssen wir Achtung vor physischen Dingen haben und sie richtig handhaben, sie nicht mißbrauchen oder verschwenden, beschädigen oder mit achtloser Grobheit behandeln. Dieses Gefühl, daß alles bewußt oder lebendig ist, entsteht, wenn unser eigenes physisches Bewußtsein ­ nicht nur das Mental ­ aus seiner Dunkelheit erwacht und den Einen in allen Dingen, das Göttliche überall wahrnimmt.

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Es ist durchaus richtig, daß physische Dinge ein inneres Bewußtsein haben, welches die Sorgfalt fühlt und auf sie reagiert und das empfindsam gegenüber achtloser Berührung und rauher Handhabung ist. Es ist ein großer Fortschritt des Bewußtseins, dies zu wissen oder zu fühlen und zu lernen, vorsichtig mit ihnen umzugehen.

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Das rohe Handhaben und achtlose Brechen oder Verschwenden und Mißbrauchen von stofflichen Dingen ist eine Leugnung des yogischen Bewußtseins und ein großes Hemmnis, die Göttliche Wahrheit auf die stoffliche Ebene herabzubringen.

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Allein dem Gesichtspunkt der stofflichen Nützlichkeit zu folgen und alle anderen Wahrnehmungen und Motive nicht zu beachten, war vermutlich eine Idee des physischen Mentals. Du hast auf der Hut zu sein vor diesen Vorstellungen und Eingebungen des physischen Mentals und darfst keine von ihnen wahllos annehmen und ohne sie einem höheren Licht auszusetzen.

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